op. 30   „Hymnen an die Nacht“ - Oratorium

für Sprecher, Sopran, Tenor, Chor und großes Orchester

(3+Picc.3.Altfl-1Oa-1Eh-2+Bassklar-1Fag-1Kfg-2230-Klavier-2 Hrf-Orgel-Schlagz+Pk (3-4 Spieler)- 21 Gläser-Str)

dedicated to my mother

composed: 2012 - 14

premiered: 19. Oktober 2014 Paul-Gerhardt-Kirche München

Carsten Fabian - Sprecher, Marina Ulewicz - Sopran, Tino Brütsch - Tenor, Junges Ensemble München,

Paul-Gerhardt-Chor, cond.: Ilse Krüger-Kreile

duration: 65 min.

      contents:

      Introduktion Text: Novalis Hymnen I, Lukas 24.29   

I     Hymne (Chor) Text: Georg Heym

II    Hymne (Sprecher) Text: Novalis I

III   Choral - Gebet (Chor) Text: Georg Heym

IV   Nocturne „Vollmond" (Sopran solo, Chor) Text: Else Lasker-Schüler

V    Finsternis ist wie das Licht (Sprecher, Sopran solo, Chor)

      (Text: Novalis Hymnen III, 2. Korinther 1.3-4, Psalm 139. 8-11)

VI   „Juninacht" (Tenor solo) Text: Georg Heym

VII  Finale (Sprecher, Chor) Text: Novalis Hymnen IV, 1. Korinther 15. 49, 51-52

      „Das Totenschiff" (Soli, Chor) Text: Georg Heym

experpts from a live recording 23.Oktober 2016  (Hanna Herfurtner - Sopran)

I     Hymne

00:00 / 01:00
00:00 / 02:58

II    Hymne

00:00 / 03:29

IV   Nocturne „Vollmond"

00:00 / 06:52

V    Finsternis ist wie das Licht

00:00 / 04:10
00:00 / 06:57

VI   „Juninacht"

VII  Finale

„Das Totenschiff"

00:00 / 04:41
00:00 / 03:25
00:00 / 03:10
00:00 / 04:06

Gedanken zu meinen „Hymnen an die Nacht“:

 

Eine Melodie kann ein Weg zur Seele sein. Für mich ist vor allem der Klang ein Schlüssel dazu. Klänge können in uns für Momente ganz persönliche Erinnerungen wach rufen, so wie Düfte es vermögen, manchmal nur als kurze flüchtige Ahnungen und Einblicke in längst im Dunkel der Zeit scheinbar der Vergessenheit anheim gefallene individuelle Sinneswahrnehmungen, die plötzlich wie aus dem Nichts wieder aufblitzen. Auch Visionen oder andere Seelenzustände wie Trauer und Freude, Ängste und Trost können durch Klänge tief in unserem Inneren zum Schwingen gebracht und hervorgeholt werden.

Worte können meines Erachtens dazu als Boten dienen. Was liegt näher, als beides miteinander zu verbinden? Dies erklärt für mich die bis heute um nichts geschmälerte Beliebtheit und Aktualität großer Chor- und Orchesterwerke. Novalis' „Hymnen an die Nacht“ sind für mich solche verbalen Boten. Die Verse haben mich vom ersten Lesen an entführt, in eine Welt voller tiefer Gefühle, quälender Lebensfragen nach dem Sinn und den Wegen unseres Dasein, Bilder eines Diesseits sowie Trost spendenden hoffnungsvollen Phantasien als mögliche Antworten auf ein Jenseits.

Auf der Suche nach weiteren solcher mich tief berührenden „Boten“ begegneten mir die „Wort-klang-seelen-welten“ der Gedichten von Georg Heym und Else Lasker-Schüler, bei Heym in seiner teils dramatisch deklarierenden expressionistischen Ausdrucksweise, bei Lasker-Schüler in Form von Gefühlswogen, die einem bereits zwischen wenigen Worten entgegenfluten.

Ich erkannte diesen Hintergrund auch in mir längst vertrauten Bibeltexten auf eine neue Art, und tiefere Gedanken- und Gefühlswelten taten sich mir beim erneuten Lesen einiger Passagen der Heiligen Schrift auf. In diesem Moment wurde die Idee geboren, die Texte miteinander zu kombinieren und in Klängen zusammen zu fassen. Sprechen doch alle Texte eine gemeinsame Seelensprache, aus dem Wunsch heraus, Trost zu empfangen, Trost auf der Suche nach Überwindung des Isoliertseins, nach Geborgenheit und Nähe, nach Einswerden mit „Gott“ oder einem geliebten Menschen, auch wenn dazu die Überwindung der Grenzen des Todes nötig sind – der Wunsch nach Frieden im tiefen Inneren.

 

Beim Lesen all dieser Texte hörte, ja spürte ich förmlich Klänge, die zu ergründen und „auszuhören“ ich mich auf eine mehrere Jahre währende Reise machte, um mittels der ausgewählten Worte eine ganz persönliche Brücke zu bauen zu diesen inneren Klängen. Das Ergebnis sind eine gute Stunde „Klangkomposition“ im wahrsten Sinne des Wortes und damit meine ganz persönlichen „Hymnen an die Nacht“.

 

Die ersten Ideen zu den „Hymnen“ entstanden bereits 1998. Ein Teil der Textzusammenstellung sowie Skizzen für den Eingangschor entstammen dieser Zeit.

In stilistischer Hinsicht sowie chorischer und orchestraler Behandlung findet das Werk immer wieder Anklänge an eine spätromantische Tradition, deren tonale Wurzeln trotz zeitweiser freitonaler Klangschichtungen stets durchscheinen. Dabei standen mir große Meister und Vorbilder wie Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms zur Seite, die auch beide in meinem Werk zitiert werden und in deren Tradition ich mich in Folge in meiner kompositorischen Berufung empfinde.

 

Der Novalis-Text bildet (in Auszügen) den „Roten Faden“ des Werkes und wird aufgrund seiner Komplexität ausschließlich von einem Sprecher rezitiert. Die insgesamt sieben Bibelzitate werden stets vom Chor vorgetragen während die ausgewählten Gedichte von Georg Heym und Else Lasker-Schüler auf die zwei Solisten (Sopran und Tenor) sowie auch auf den Chor entfallen. Teilweise überlagern sich die Texte und ergänzen sich Kaleidoskopartig in ihren thematisch ähnlichen Stimmungsbildern. Dieses Stilmittel tritt vor allem in der zentralen und gleichzeitig auch umfangreichsten und einen Höhepunkt des Werkes darstellenden Nr. 5 zutage: In Novalis' Vision der nochmaligen Vereinigung mit der verstorbenen Geliebten, die den Höhe- und Wendepunkt in seinen Ansichten zur Nacht zum Ausdruck bringt, manifestiert sich gleichzeitig der Gedanke der Auferstehung. An dieser Stelle verstummt meine Komposition und es erklingt ein Zitat der Instrumentaleinleitung der Arie „Gelobet sei der Herr mein Gott, der ewig lebet“ aus der gleichnamigen Kantate BWV 129 von Johann Sebastian Bach – jedoch in einem 7/4 Metrum.

Die Zahl 7 – in Addition der 3 (Geist und Seele) und 4 (Körper) als Symbol für das Menschliche - durchdringt in verschiedenster Form den Geist des Werkes: Das Gesamtwerk ist unterteilt in sieben Sätze. Das Intervall der Sept spielt stets eine große Rolle. Zur Mitte und zum Schluss der Komposition hin wird der 7er Takt wichtigste Taktart. Instrumentengruppierungen beinhalten die Zahl (7 Blechbläser, 7 Soloviolinen in der Tenorarie Nr.6 ...)

Trotz der symphonisch angelegten Grundidee nimmt die Kammermusik einen entscheidenden Teil des Werkes ein. Hier handelt es sich stets um eingebettete Septette, nach einem Gesamtplan, der möglichst alle Instrumente bzw. Instrumentengruppen mindestens einmal berücksichtigt, was dem Werk bis auf wenige dynamische Höhepunkte einen stets intimen und farbenreichen Charakter verleiht. Somit sind auch nahezu alle Orchestermusiker solistisch gefordert.

 

In einigen Sätzen wende ich eine von mir schon in anderen Werken erprobte „Kaleidoskoptechnik“ an: verschieden Motive oder Themen werden in immer neuen Kombinationen aneinandergereiht, übereinander geschichtet oder ineinander verflochten. Dadurch entsteht ein sich stets änderndes und doch einheitliches bleibendes Klanggebilde, ähnlich dem Betrachten von Wellen oder Wolken. Diese Kompositionsweise erschien mir am geeignetsten, den oben beschriebenen „Seelenklängen“ nahe zu kommen. Der Zuhörer darf vom Geschehen auf der Bühne abrücken und im Idealfall auf eine meditative ganz individuelle „Reise“ mitgenommen werden...

 

Das Werk kann als eine Art Requiem verstanden werden und ist meiner Mutter in liebevollem Andenken gewidmet.

 

Meine langjährige Zusammenarbeit mit dem Paul-Gerhardt-Chor Laim in München unter der Leitung von Ilse Krüger-Kreile, bei deren Konzerten mit ausgesprochen selten aufgeführten Chor-und Orchesterwerken ich als Oboist wunderbare Erfahrungen sammeln und unvergessliche Momente erleben durfte inspirierte mich nicht zuletzt zu dieser eigenen Komposition. Somit ist das Werk auch dem Chor und seiner Leiterin gewidmet.

 

Dirk-Michael Kirsch